The Economics Coach

Der Glücksatlas

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Sonntagskind oder Pechvogel? Frohnatur oder Griesgram? Luxusweibchen oder Schmalhans? Wenn einer daherkommt und bei sehr vielen Menschen den Glücksfaktor abcheckt, kommt eine Umfrage heraus. Doch die könnte auch dazu dienen, uns politisch einseitige Botschaften einzumassieren. Beispiel gefällig?

SKL? Das klingt wie eine Modellreihe von Mercedes. Oder? Ach, nein, die heißt ja SLK. SKL ist vielmehr die Abkürzung für die Süddeutsche Klassenlotterie. „Die SKL steht für die tägliche Chance auf Glück in Form von Geld- und wertvollen Sachgewinnen!“…und nicht für schnelles Autofahren, stellt auch die Website richtig.

SKL – das sind übrigens die, die mit dem falschen Lächeln von Quizmaster Jörg Pilawa werben. „Süddeutsch“ – ja, klar, vom Weißwürstel-Äquator bis runter nach Sonthofen. „Lotterie“ – ja, auch klar. Aber „Klasse“? Auch nicht von ungefähr: Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Lotterien eingeführt, um den Armen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Eine Art heimliche Steuer zum Wiederaufbau nach einem Krieg. So auch 1947, als die SKL unter staatlicher Regie gegründet wurde.

Der Schein trügt nicht. Unser offizieller Lotto-Song. © The Economics Coach 2025

Okay, im Krieg befinden wir uns derzeit nicht. Der findet weiter östlich statt. Aber da müsste man dann eher Russisch Roulette als Lotto spielen. Kein Vergleich mit der Ukraine und dennoch: Die Infrastruktur in Deutschland sieht ja mancherorts auch so aus, als hätte dort eine Bombe eingeschlagen. Fließen die Lotto-Millionen also da hinein?

Wir wissen ja so ungefähr, wofür die staatlichen Lotto-Gesellschaften ihre Einnahmen ausgeben: Für die Gewinnausschüttung natürlich, aber auch für die Förderung von Kultur, Sport und anderen gemeinnützigen Zwecken, wie es so schön heißt. Und bei der SKL? Man sucht und sucht auf deren Webseite, man googelt und googelt und findet…nichts! Kein Wort darüber, wie und wo neue Brücken geschlagen oder verrostete Schienen aufpoliert werden. Oder zumindest, welcher Herrengesangsverein sich nun ein neues Harmonium zulegen darf.

Die überglückliche Lotto-Millionärin Sabine Kubath mit Quatschmeister Jörg Pilawa. Foto: © GKL/Willi Weber

Immerhin gibt es einen einsamen Hinweis, wo das Geld verpulvert wird: beim sogenannten „Glücksatlas“. Mit dem geht die SKL nämlich regelrecht hausieren. Nein, der „Glücksatlas“ zeigt nicht, wo sich in der Republik die meisten Lotto-Könige ballen. Es handelt sich vielmehr um einen Abklatsch des „World Happiness Report“, einer weltweiten Umfrage der UN über die Lebenszufriedenheit in den Ländern dieser Welt. Hier nur eben allein auf Deutschland bezogen. Und nur eben mit recht merkwürdigen Botschaften.

Mehr Industrie, mehr Lebensglück?

Im aktuellen Atlas zum Beispiel mit dieser hier: „Deindustrialisierung senkt Lebensglück“. Heißt im Umkehrschluss: Wo es verarbeitendes Gewerbe gibt, dort, wo Fabrikschlote qualmen, sind die Menschen glücklicher. Die vermeintlichen Gründe: Höhere Gehälter, hochwertige Industrie-Arbeitsplätze, das eigene Häuschen, weniger Arbeitslosigkeit, mehr Steuereinnahmen für die Kommunen.

Natürlich alles ganz schön materialistisch argumentiert. Allein darüber ließe sich trefflich streiten. Und auch über die Wertigkeit von Arbeitsplätzen sowie über die Arbeitslosenquoten in klassischen Industriestädten wie Duisburg und Gelsenkirchen. Vor allem aber wird die „Deindustrialisierung“, das Schlagwort aus der Titelzeile, überhaupt nicht erklärt und vertieft.

Warum, ist klar: „Deindustrialisierung“ ist seit einigen Jahren der Kampfbegriff der Fossil-Lobby, die uns weißmachen will, dass nur vermeintlich billiges Gas und Öl unsere Industrie-Arbeitsplätze retten kann. Da werden also Zusammenhänge konstruiert, die eine Umfrage schlichtweg nicht hergibt.

Zu viele Menschen warten zu lange auf die richtigen Lotto-Zahlen. Und dann ist plötzlich ihr Leben vorbei. Möglicherweise sind kollektive Erfolgsstrategien realistischer. Foto: Vectorfusionart / Deposit

Hier wie auch an anderen Stellen des „Glücksatlas“ wird versucht, auf mehr oder minder subtile Weise der Leserschaft marktideologisches Gedankenschlecht reinzureiben. Wer hat’s erfunden? Wissenschaftlicher Leiter des Projekts ist Bernd Raffelhüschen. Der Freiburger Wirtschaftsprofessor mischt bei der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ mit, einer Lobby-Organisation des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Und wenn die „Initiative“ ihre neoliberal-marktradikalen Ideen voll durchsetzen könnte, dann würden die SKL, Jörg Pilawa und Professor Raffelhüschen sehr viele Menschen eher unglücklich als glücklich machen.

Na, wo sind die Menschen am glücklichsten?

Dessen ungeachtet hofberichten viele Medien Jahr für Jahr über die neuesten Ergebnisse, die die Umfragen des SKL-Glücksatlas hervorbringen. Der Köder ist ja auch echt clever: „In welchen Städten Deutschlands fühlen sich die Menschen am glücklichsten?“, fragen die selbsternannten Glücksforscher. Und, 2025? The winner is…

Ausschnitt aus dem SKL-Städteranking, das für einige Überraschungen sorgt. Foto: SKL / eigener Screenshot

Damit der Glücksatlas nicht noch unnötigerweise zusätzliche Clicks bekommt, folgt hier auch sogleich die Auflösung. Die vermeintlichen Orte des am tiefsten empfundenen Glücks sind in diesem Jahr Kassel und Krefeld! Die Städte mit dem am größten gefühlten Unglück heißen dagegen Pechstein und Misslingen. Nein, Quatsch, sie heißen Wiesbaden und Rostock. Noch Fragen?

© The Economics Coach 2025 (Titelfoto: Milkos/Depositphotos)

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