Der Homo Sustensis (HS) denkt vernetzt und handelt verantwortungsvoll – und zwar im Geiste der gesamten Gesellschaft. Anders sind aus seiner Sicht die Probleme der Menschheit nicht zu lösen. Der HS ist bisher aber noch eine Art „Zukunftsmensch“.
Da der Mensch ein recht widersprüchliches Wesen ist, ist der biologische-evolutionäre Egoismus nur eine seiner Seiten. Die andere: Er ist ein soziales Wesen und strebt deshalb Kooperationen an. Die Geschichte der Menschheit in a nutshell: War der Homo sapiens zunächst oft Einzelkämpfer, so haben sich im Laufe der Jahrtausende die ursprünglichen Jäger und Sammler zunächst zu Gruppen und Gemeinschaften, dann in Dörfern und Städten und schließlich zu ganzen Gesellschaften und Nationen zusammenschlossen. Ihr Ziel war und ist es dabei, in Arbeitsteilung und (mehr oder minder) solidarischer Praxis die Existenz aller ihrer jeweiligen Mitglieder bestmöglich zu organisieren und zu sichern.

Plakativ formuliert lässt sich dieses Phänomen als Zivilisation bezeichnen, als „Hochkultur“, deren Gegensatz in der Jeder-gegen-jeden-„Barbarei“, in der Egal-wie-Gesellschaft, besteht. Der zivilisatorische Fortschritt ist keineswegs gottgegeben und verläuft auch nicht linear, wie die Kräfte des „Rückbaus“ (Rechtspopulisten, Libertäre etc.) mit ihren wiederholten Attacken demonstrieren. Sie predigen einen gnadenlosen Egoismus, das „Ich oder du“, bestenfalls ein „Wir oder die“, mit dem sich die Herausforderungen der Zeit – Stichwort Klimakrise – mitnichten lösen lassen.
Die Jünger des zivilisatorischen Fortschritts wollen dagegen die Kooperationsfähigkeit und den Willen zum gemeinschaftlichen Agieren der Menschen stärken, wenn nicht gar in den Mittelpunkt stellen, sehen sie dieses doch als zwingende Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung: Der Planet kann nur überleben, wenn jeder gesamtgesellschaftlich verantwortungsvoll handelt und sich dabei als Individuum auch ein Stück weit zurücknimmt, indem er beispielweise etwas zurückhaltender konsumiert und dadurch weniger CO2 produziert.
LIeber SUP als SUV!?
Dieser Homo Sustensis (HS) (vom Lateinischen „sustinere“: bewahren, erhalten, ernähren) versteht unter Zivilisation folglich den aktiven Erhalt und nicht die (Ver)Formung der Natur für menschliche Zwecke. Dieses Ziel ist notwendigerweise nur mit einem anderen Lebensstil erreichbar, den die Anhänger dieses Menschenbildes als frugalen Wohlstand oder als Suffizienz bezeichnen. Diese neue Genügsamkeit ist post-materialistisch geprägt. Der HS konsumiert also deutlich weniger materielle Güter. Wenn, dann sind sie bevorzugt umweltschonend-biologisch erzeugt und zudem regional produziert, um lange, CO2-intensive Transportwege zu vermeiden. An dieser Stelle gibt es eine interessante Überschneidung mit dem Homo Oeconomicus, zu dem er ja eigentlich den Gegenentwurf darstellt: Auch der HS handelt nach dem Maximalprinzip und will aus dem minimalen Einsatz von Ressourcen so viel wie möglich herausholen.
Er findet sein Glück weniger darin, einen Porsche Sport Classic für 280.000 Euro sein ganz persönliches Eigentum nennen zu dürfen oder sich 3D-Animationsfilme auf seinem 77-Zoll-Luxusfernseher von Loewe reinzuziehen. Nein, er tauscht sich lieber intensiv mit anderen Menschen aus – und dies bevorzugt bei einem langen Waldspaziergang. Oder er verbringt lieber Zeit am See (z.B. bem Stand-up Paddling) als auf der Straße. Auf gut Neudeutsch: Lieber SUP als SUV!

Auch der Homo Sustensis ist nicht frei von egoistischen Reflexen. Bei ihm ist jedoch schon der innere Schalter umgelegt: Er frönt nicht mehr allein dem „hedonistischen Egoismus“, der auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung in Gestalt materieller Belohnungen ausgerichtet ist, sondern er lebt seine Affekte stärker in einem „psychosozialen Egoismus“ aus, bei dem seine Glückshormone dadurch sprudeln, dass er sein Leben in Einklang mit seinen eigenen Werten führt und dieses auf sinnstiftende Ziele ausgerichtet ist. So grotesk dies zunächst klingen mag: Diese Form des Egoismus kann sich zum Beispiel in bürgerschaftlichem Engagement ausdrücken, denn der HS bekommt dafür Glücksgefühle zurück – etwa durch die Dankbarkeit derer, denen er hilft.
Im Mittelpunkt steht also immer die Pflege guter und intensiver Beziehungen zu anderen Menschen. Der Philosoph Erich Fromm hat es schon Mitte der 1970er Jahre mit seinem berühmten Buchtitel auf den Punkt gebracht: „Haben oder Sein“. Der Homo Sustensis hält hier eine klare Antwort parat.

All dies setzt ganzheitliches Denken und vernetztes Handeln voraus. Der HS denkt nicht Ich-zentriert, sondern in der Dimension des Wir – ob es sich nun um eine kleinere Gruppe handeln mag, um Teile der Gesellschaft, um die Gesellschaft als Ganzes oder gar um die gesamte Erde, die er als Öko-System versteht, in dem das eine das andere bedingt. Vernetztes Handeln knüpft direkt daran an und bedeutet, auch stets die Konsequenzen seines eigenen Tuns zu bedenken und sich zudem mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen, die aber auch anderen Feldern unterwegs sind. Plakativ formuliert: Der Anhänger der Sonnenenergie hat auch den Artenschutz auf dem Schirm.
Lieber Sein als Haben!?
Der Homo Sustensis mag zwar schon in Nischen westlicher Gesellschaften in realer Ausprägung existieren. Insgesamt betrachtet stellt er aber das Wunschbild eines Menschen dar, wie er sich in (ferner?) Zukunft entwickeln könnte und sollte.
Welche weiteren alternativen Menschenbilder zum Homo Oeconomicus gibt es, die vielleicht für größere Gruppen von Menschen passen? Damit wären wir beim Homo Reciprocans.
© The Economics Coach 2024 (Titelfoto: Mayne Black / Chat GPT)



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