Auch wenn der Homo Oeconomicus (HO) den geistigen Auswurf der Marktideologie bildet, irgendetwas muss ja doch den Siegeszug dieses Menschenbilds bewirken. Sonst hätte es sich nicht so lange behaupten können. Sind also ein oder gar mehr Körnchen Wahrheit an ihm dran?
Damit kommen wir zurück zum „mal so, mal so.“ Die Antwort auf die Eingangsfrage beim Artikel über den Homo Oeconomicus: „Egoist oder Altruist?“ Wann sehen wir keine Alternative dazu, egoistisch zu handeln? Richtig, wenn es ans Eingemachte geht, um Leben und Tod. Denn der Egoismus, den wir alle in uns tragen, ist ganz eng verknüpft mit unserem Überlebenstrieb. Man könnte ihn als biologisch-evolutionären Egoismus titulieren. Dieser biologische Egoismus (BE) dient der Existenzsicherung, zumindest scheinbar.
Darauf setzt die HO-Ideologie auf hinterlistige Weise auf, indem sie immer wieder erfolgreich versucht, die Grundbedürfnisse des BE ständig auszuweiten. Ist einmal eine materielle Wohlstandsstufe erreicht, muss sofort die nächste erklommen werden – propagieren die Jünger des freien Marktes. Der zum HO konditionierte Mensch soll nicht nur seinen Hunger stillen, er soll sich richtiggehend vollfressen – mit einer Mordsportion Eigennutz.

So oder so – der BE ist nun einfach mal da. Im Wesentlichen dreht sich dabei alles darum,
- gesund zu bleiben, was vor allem heißt, in der Außenwelt keinen schädlichen Einflüssen ausgesetzt zu sein und im Zweifel medizinische Hilfe in Anspruch nehmen zu können.
- regelmäßig essen und trinken zu können, um lebensnotwendige Nährstoffe aufnehmen zu können.
- einen dauerhaften Ort zum Wohnen zu erhalten und zu behalten, einen Schutzraum gegenüber dem gefährlichen „Draußen“.
Auf diese Weise will der Mensch sein Leben so problemlos wie möglich gestalten und so lange leben wie nur irgend möglich. Dieser biologische Egoismus, das hat die Evolutionspsychologie längst als gesichert herausgefunden, hat sich seit der Steinzeit über Jahrtausende in der menschlichen DNA eingebrannt. Er liegt in der Natur des Menschen – auch wenn mit diesem Faktum das rundum idealistische Menschenbild des weltweiten Clubs der Weltverbesserer zerstört wird. Der mächtigste Trieb, der im Homo sapiens wirkt, ist der zur Selbsterhaltung. Deshalb sollten wir den BE bei uns und anderen mit Gelassenheit akzeptieren. Und wir müssen leider auch bis auf Weiteres mit seinen Wucherungen und Deformationen umzugehen lernen, denn das kapitalistische System hat nach Jahrtausenden den BE immer wieder instrumentalisiert, sodass es uns selbst im Alltag zuweilen schwerfällt, uns völlig davon zu lösen. Siehe oben.
Würdest du deine Wohnung an sozial Schwächere abtreten?
Ein Beispiel gefällig für diesen „gesunden“ Egoismus? Grundbedürfnis der Selbsterhaltung: das Dach über dem Kopf. 100 Menschen sowie ich als Single bewerben sich auf eine 90-Quadratmeter-Wohnung, die der Eigentümer zu einem relativ günstigen Mietpreis anbietet. Viele Bewerber haben ein deutlich geringeres Einkommen, weil ich es ihnen anzusehen glaube. Oder sie haben es ganz offensichtlich nötiger, weil es sich um Familien mit Kindern handelt. Nun bekomme aber ausgerechnet ich als Einzelperson den Zuschlag. Verzichte ich deshalb auf die Wohnung, weil ich sie nicht so dringend brauche wie andere? Höchstwahrscheinlich nicht. Auch wenn ich mir locker auch eine andere, etwas teurere Wohnung leisten könnte, werde ich bestenfalls ein schlechtes Gewissen haben. Vorübergehend. Ich werde dennoch zugreifen. Und alle anderen (zumindest die allermeisten) würden mich für einen Idioten halten, täte ich es nicht.

Dass der skizzierte Fall tatsächlich eintritt, ist auch stark davon abhängig, wie knapp die nachgefragten Güter sind. Wenn es Wohnungen im Überfluss gäbe, würde ich mich vielleicht von meiner sozialen Schokoladenseite zeigen. Aber so? In einer hippen Metropole dürften Wohnungen deutlich knapper und zudem teurer sein als in einer verschlafenen Kleinstadt in der Provinz. Also greift der Großstädter einfach zu – frei nach dem Motto: „Jeder ist doch seines eigenen Glückes Schmied, oder?“
Je knapper die Güter, desto aggressiver die Menschen
Der tägliche Kampf um die Sicherung der eigenen Existenz mag zwar vor allem in der westlichen Welt seinen archaischen Charakter verloren haben, aber grundsätzlich sind die Themen die gleichen geblieben. Je besser verfügbar die existentiellen Güter Wohnung, Nahrung und medizinische Versorgung sind, desto friedfertiger kann eine Gesellschaft zusammenleben. Je knapper die Güter sind, desto egoistischer werden die Verhaltensweisen der Menschen – bis hin zu unlauteren Methoden: Bestechung und Korruption, Steuerhinterziehung und Schwarzmärkte, Diebstahl und Raubüberfall. Die Kriminalitätsraten schnellen nach oben. Unübersehbar sowohl bei den libertär-turbokapitalistischen USA als auch bei afrikanischen Kleptokratien.

Wenn die Existenz wiederholt oder gar dauerhaft bedroht erscheint, brechen unweigerlich Verteilungskämpfe in der Gesellschaft aus. Viele Menschen werden dann schnell grob und vergessen ihre guten Manieren. Sie fahren ihre Ellenbogen aus. Noch mehr Menschen bekommen Existenzängste. Sie ziehen den Schwanz ein. Sie befürchten, sozial „abzurutschen“, was wiederum ihren biologischen Egoismus aktiviert. Der Kapitalismus arbeitet folglich nicht nur mit dem Erzeugen und Nähren von immer neuen Bedürfnissen. Er schürt auch ständig Ängste, versetzt uns in Unsicherheit – weil zum Beispiel Wohnungsnot herrscht und dies in einem Wirtschaftssystem, das einen von heute auf morgen arbeitslos machen kann. Oder zumindest zum Quartalsende.
Okay, der Mensch ist also biologisch-evolutionär bedingt ein Egoist. Aber er hat auch ein andere, soziale Seite. Damit kommen wir zum Homo Sustensis.
(c) The Economics Coach 2025 (Titelfoto: Mayne Black / ChatGPT)



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