{"id":602,"date":"2023-07-31T16:59:24","date_gmt":"2023-07-31T14:59:24","guid":{"rendered":"https:\/\/economics.coach\/about\/"},"modified":"2025-02-07T11:54:52","modified_gmt":"2025-02-07T10:54:52","slug":"about","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/economics.coach\/en\/about\/","title":{"rendered":"About"},"content":{"rendered":"\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Initiative Neue Authentische Marktwirtschaft: Zur\u00fcck in die Zukunft?<\/strong><\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Zwei \u00d6konomen haben ein Manifest verfasst, mit dem sie die \u201eTransformation unserer Wirtschaftsordnung\u201c einl\u00e4uten wollen. G\u00fcnther Bannas und Carsten Herrmann-Pillath w\u00fcrden am liebsten den Kapitalismus abschaffen und durch eine \u201eauthentische Marktwirtschaft\u201c ersetzen. Die Autoren nennen das \u201erevolution\u00e4r\u201c. Wollen sie einfach nur die Ludwig-Erhard-Mumie zu neuem Leben erwecken? Oder handelt es sich um einen wirklichen Vorschlag zur G\u00fcte, der Markt und Gemeinwohl doch noch miteinander vers\u00f6hnen k\u00f6nnte? Eine Rezension.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>G\u00fcnther Bannas geh\u00f6rt eine Fachschul-GmbH in K\u00f6ln, die Steuerberater ausbildet. Carsten Herrmann-Pillath ist Volkswirt und Sinologe, ausgestattet mit einer Professur an der Universit\u00e4t Erfurt. Beide Autoren haben schon zuvor B\u00fccher geschrieben. Nun verk\u00fcnden sie \u201e30 Thesen zur Transformation unserer Wirtschaftsordnung\u201c. Ihre Kernforderung lautet: Zur\u00fcck zur Marktwirtschaft! Etwas abgemildert lautet der Titel des Buches: \u201eMarktwirtschaft: Zu einer neuen Wirklichkeit\u201c. Pers\u00f6nliche Blitzreaktion: Das klingt nach der \u201eHauruck\u201c-Rede des fr\u00fcheren Bundespr\u00e4sidenten Roman Herzog anno 1997, nach den marktradikalen Einfl\u00fcsterungen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, einer Lobbygruppe des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Und es riecht verd\u00e4chtig nach FDP-Phrasendrescherei \u00e0 la \u201eLeistung muss sich wieder lohnen\u201c, kurz: nach neoliberal-libert\u00e4rem Gedankenschlecht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das ist zwar nicht v\u00f6llig verfehlt. Aber knapp daneben ist trotzdem vorbei. Denn bei den Autoren handelt es sich um J\u00fcnger des Ordoliberalismus, der geistigen Schule, aus der 1949 die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik geboren ward, die nach Meinung der \u201eOrdos\u201c dann aber Sozialstaatler und sp\u00e4ter neoliberale Hayek-Fans deformiert haben. Es ist der wirtschaftswissenschaftliche Ansatz, der vom vollkommenen Wettbewerb zwischen vielen kleinen und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen tr\u00e4umt \u2013 befreit von habgierigen Monopolisten. Und es ist der Ansatz, der ganz in diesem Geiste das Bundeskartellamt f\u00fcr den einzig wahren Tempel der Wirtschaftspolitik h\u00e4lt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es kommt also nicht Roman Herzog, sondern vielmehr Ludwig Erhard ins Spiel \u2013 Pseudo-Widerst\u00e4ndler gegen die NS-Diktatur und Parteig\u00e4nger der Gro\u00dfindustrie, erster und langj\u00e4hriger Wirtschaftsminister Westdeutschlands, dem sie soziale Marktwirtschaft oft ein bisschen zu sozial war. Der Ansatz verbindet sich aber vor allem mit Walter Eucken und seiner Freiburger Schule, die in den 1930ern dem aufkommenden Keynesianismus etwas entgegensetzen wollte, z.B. die \u2013 vorsichtig formuliert \u2013 originelle These, die Weltwirtschaftskrise sei in erster Linie eine Folge interventionistischer Staatspolitik gewesen und nicht das Ergebnis von fatalem Marktversagen. Ein weiterer Kerngedanke der Freiburger Schule, ja, die Pr\u00e4misse allen ordoliberalen Denkens, besteht in der individuellen Freiheit eines jeden Menschen, die vor allem mit wirtschaftlichen Freiheiten (Vertragsfreiheit, Koalitionsfreiheit etc.) verbunden ist, im Mittelpunkt dabei das Recht auf Eigentum \u2013 das nach Auffassung der Ordos auch immer mit sozialer Verantwortung verbunden ist. Motto: \u201eEigentum verpflichtet.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Immerhin fr\u00f6nen Bannes\/Herrmann-Pillath (BHP) nicht allein dem Ur-Eucken, sondern greifen verst\u00e4rkt die Ideen dessen Enkels Walter Oswalt auf. Oswalt (2018 verstorben) knetete die ersten Denkfiguren eines von der Kritischen Theorie beeinflussten \u201elinken\u201c, \u00f6kologisch inspirierten Ordoliberalismus. Insofern spielt auch das Thema Nachhaltigkeit eine pr\u00e4gende und auch glaubw\u00fcrdige Rolle im Gedankengeb\u00e4ude der beiden Autoren. Um dieses Ziel m\u00f6glichst effektiv in die Realit\u00e4t umzusetzen, bringen BHP eine Energiesteuer ins Spiel, eine auf alle in Produktion und Logistik eingesetzten Energieformen ausgeweitete CO2-Steuer. Die Autoren argumentieren hier nicht nur \u00f6kologisch. Der Gedanke on top: Konzerne h\u00e4tten in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend auf die Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen gesetzt, um somit den dann weniger nachgefragten Faktor Arbeit (= abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte) billiger zu machen. Durch die Energiesteuer w\u00fcrde Energie deutlich teurer und Arbeit im Vergleich dazu wieder aufgewertet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Autoren kritisieren in diesem Zusammenhang au\u00dferdem, dass die Unternehmen f\u00fcr die von ihnen verursachten Umweltsch\u00e4den weitgehend nicht aufkommen m\u00fcssten und die Kosten daf\u00fcr der Gesellschaft insgesamt aufb\u00fcrden w\u00fcrden. Warum das bisher mehr oder minder problemlos funktionierte, erkl\u00e4ren sie in bester Stamokap-Manier: Weil wir im Kapitalismus leben, in einem System, in dem sich \u201edie Konzerne\u201c den Staat dienstbar gemacht haben. Kapitalismus stellt f\u00fcr BHP eine deformierte Form der Marktwirtschaft dar. In ihrer reinen Auspr\u00e4gung dominiert jedoch die Warenwirtschaft, die Hegemonie der Kapitalm\u00e4rkte soll ein f\u00fcr alle Mal ein Ende finden. Das sind die Big Points von BHP. In ihren 30 Thesen und den folgenden Erl\u00e4uterungen modellieren sie in verschiedenen Feldern der Wirtschaftspolitik weitere Komponenten ihrer neuen Wirtschaftsordnung. Dies sind die wichtigsten:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ul class=\"wp-block-list\">\r\n<li><strong>Privateigentum \u00fcber alles, aber inklusive Haftung:<\/strong> Privates Eigentum ist ein zentraler Pfeiler der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Allerdings gilt dies nur f\u00fcr pers\u00f6nliches Eigentum, f\u00fcr das die nat\u00fcrliche Person auch vollumf\u00e4nglich haftet, gerade auch als Unternehmer*. Damit soll verhindert werden, dass Unternehmen allzu gro\u00dfe, mithin unsinnige Risiken eingehen und bei einem Scheitern die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden k\u00f6nnen (bestenfalls ihre Versicherungen). Auf den Punkt gebracht: Kapitalgesellschaften werden auf Dauer aus dem neuen System verbannt, weil bei ihnen die Haftung von vornherein beschr\u00e4nkt ist.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Kreatives Mitmachen im Familienunternehmen:<\/strong> Unternehmen sollten die Kooperation zwischen F\u00fchrung und normalen Mitarbeitern* pflegen, mithin partizipative Management-Methoden einsetzen. Jeder Mitarbeiter* sollte unternehmerisch denken und handeln (d\u00fcrfen), um seine Kreativit\u00e4t in die Firma einbringen zu k\u00f6nnen. Als Vorbild dient das gute alte Familienunternehmen.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Staatlich garantiertes Existenzminimum:<\/strong> Da wirtschaftliche Freiheit auch die Befreiung von wirtschaftlichem Zwang einschlie\u00dft, steht jedem B\u00fcrger* ein bedingungsloses Grundeinkommen zu. Dieses ist mit einem Viertel des Durchschnittsverdienstes innerhalb der jeweiligen Alterskohorte knapp bemessen. Zus\u00e4tzliches Einkommen l\u00e4sst sich durch ehrenamtliche Arbeit oder auch h\u00e4usliche Pflege von Verwandten erzielen.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Bildung(sgutscheine) f\u00fcr alle:<\/strong> Die gerechte Verteilung wirtschaftlicher Chancen soll vor allem \u00fcber Chancengerechtigkeit in der Bildung erzeugt werden. Dazu soll der Staat f\u00fcr jeden B\u00fcrger Bildungsgutscheine ausgeben, die er nach pers\u00f6nlichem Gusto \u201evon der Wiege bis zur Bahre\u201c einsetzen kann.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Der P\u00e4chterstaat<\/strong>: Der Staat zieht sich weitgehend auf seine Rolle als H\u00fcter des Wettbewerbs zur\u00fcck. Er verwaltet aber auch als Treuh\u00e4nder das \u201eGemeineigentum\u201c in Gestalt von Land und mineralischen Ressourcen. Dieses verpachtet er f\u00fcr einen jeweils begrenzten Zeitraum durch Auktionen an nat\u00fcrliche Personen.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Wissen f\u00fcr alle:<\/strong> Das geltende Patent- und Markenrecht geh\u00f6rt abgeschafft, weil es auf k\u00fcnstliche Weise Marktmacht herstellt. Auch Wissen ist Gemeineigentum, sind BHP \u00fcberzeugt. Nur nat\u00fcrliche Personen sollen Marken und Patente anmelden k\u00f6nnen und an (Klein)Unternehmen versteigern k\u00f6nnen. Wissen \u2013 auch f\u00fcr \u00f6konomische Zwecke \u2013 sollte aber im Idealfall allen zur Verf\u00fcgung stehen. Auch Markenrechte k\u00f6nnen nur von nat\u00fcrlichen Personen genutzt, nicht gehandelt werden \u2013 und dies nur, solange sie leben.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Der Steuerstaat: <\/strong>Die staatlichen Aufgaben werden nicht \u00fcber Einkommen- und Gewinnsteuern finanziert. Diese wollen BHP am liebsten abschaffen. An ihre Stelle sollen \u2013 neben der erw\u00e4hnten Energiesteuer \u2013 eine Verm\u00f6gens- und eine Erbschaftssteuer treten. Diese sorgt aus BHP-Sicht f\u00fcr mehr Verteilungsgerechtigkeit. Dar\u00fcber hinaus soll eine progressive Konsumsteuer \u201enicht-nachhaltigen Statuskonsum\u201c einhegen, also das Angeben mit Ferraris, Versace-Fummeln und Champus von Dom P\u00e9rignon eind\u00e4mmen.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Kapitalm\u00e4rkte entmachten:<\/strong> Das Recht, neues Geld zu sch\u00f6pfen, soll einer unabh\u00e4ngigen Zentralbank vorbehalten bleiben und nicht l\u00e4nger zu den Einflussm\u00f6glichkeiten privatwirtschaftlicher Banken geh\u00f6ren. Und \u00fcberhaupt: Die Kapitalm\u00e4rkte werden zurechtgestutzt, weil durch den Wegfall der Kapitalgesellschaften auch entsprechende Finanzierungsinstrumente wie Aktien und Derivate nicht mehr gebraucht w\u00fcrden.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Soweit im Einzelnen. Und das gro\u00dfe Ganze? Welches Gesamtbild entsteht vor dem geistigen Auge des Betrachters*? Eine Gesellschaft freier Menschen \u2013 im doppelten Sinne \u201ebefreit\u201c, zum einen von wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen durch das BGE, zum anderen vom Konsumterror der Markenkonzerne (gut!). Ehrliche und solide Arbeit wird angemessen bezahlt, aus dem Arbeitgeber-Markt wird ein Arbeitnehmer-Markt (noch besser!). Banken und Kapitalspekulanten* werden entmachtet (Klasse!). Wir Deutschen werden zu einem Volk der Kleinunternehmer und Mittelst\u00e4ndler, was wir eh in unserer \u00f6konomischen DNA haben (so der Mythos der sozialen Marktwirtschaft). Auf diesen M\u00e4rkten weht der scharfe Wind des Wettbewerbs, aber so scharf nun auch wieder nicht, denn die meisten Firmen sind nur lokal oder regional ausgerichtet (so das Desideratum der \u00d6ko-Fraktion). Der Staat will kein Sozialstaat mehr sein, muss er ja auch nicht, denn es gibt ja das BGE, mit dem jeder tun und lassen kann, was er will. Der Staat, damit er nicht \u00fcberm\u00e4chtig wird, fungiert lediglich als eine Art Treuhandanstalt f\u00fcr das zu versteigernde Gemeineigentum und steuert die gerechte Gesellschaft \u00fcber Steuern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Klingt quadratisch, praktisch, gut. BHP sprechen von einer \u201erealen Utopie\u201c. An anderer Stelle deklarieren sie ihren Entwurf als \u201erevolution\u00e4r\u201c. Mag schon so sein. Aber h\u00e4lt dieser revolution\u00e4re Entwurf auch den Anforderungen der Logik stand? Die Antwort lautet: Tendenziell nein. Einiges am Gedankengeb\u00e4ude der Wirtschafts-Architekten Bannas und Herrmann-Pillath wirkt widerspr\u00fcchlich, verstiegen, ungereimt \u2013 und l\u00e4uft schlichtweg einschl\u00e4gigen Erfahrungen zuwider. Oft liegt der Teufel im Detail. Hier nur einige Beispiele:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<ul class=\"wp-block-list\">\r\n<li><strong>Privatisierung des Bildungswesens:<\/strong> Die Ausgabe von Bildungsgutscheinen soll mit der Privatisierung des Bildungswesens einhergehen. Ein Horrorgedanke, wenn man bedenkt, dass z.B. private Hochschulen in Deutschland vor allem gegr\u00fcndet werden, um Profite zu maximieren \u2013 dabei aber das akademische Niveau meist stark dr\u00fccken, weil sie viel zu gute Noten an ihr zahlendes Publikum verschenken. Das gesamte Public-Private-Partnership-Konzept ist \u00fcberholt, man denke nur an die ganzen Reinf\u00e4lle beim Autobahnbau.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Aufweichung des Markenschutzes:<\/strong> Den allgegenw\u00e4rtigen Markenfetischismus einzud\u00e4mmen, ist sicher ein hehres Ziel. Aber den Schutz extrem zu minimieren, f\u00fchrt auch zwangsl\u00e4ufig zur Verunsicherung bei den Konsumenten*. Wenn ich mir als Kunde nicht mehr wirklich sicher sein kann, ob z.B. das Produkt von einem Hersteller stammt, der seine Sport-Shirts fair produziert, weil etwa ein t\u00e4uschend \u00e4hnliches Logo vom \u00c4rmel prangt, verlagert dies die Verantwortung noch mehr zu Lasten des Verbrauchers* als eh schon notwendig. Marken haben also auch ihr Gutes.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>Versteigerung von Gemeing\u00fctern und mehr:<\/strong> Liberale \u00d6konomen* h\u00e4ngen immer noch dem Glauben an, dass der, der bei Auktionen (hier etwa von Grund und Boden) am meisten bietet und dann den Zuschlag bekommt, tats\u00e4chlich auch derjenige ist, der mit den h\u00f6chsten Ertr\u00e4gen rechnen kann und deshalb das h\u00f6chste Risiko eingeht. Auch in der BHP-Marktwirtschaft w\u00fcrden Unternehmen unterschiedlich mit Kapital ausgestattet sein, sodass die Kleinen m\u00f6glicherweise seltener zum Zuge k\u00e4men. Warum also immer \u00fcber den Preis gehen? Und nicht z.B. \u00fcber die Plausibilit\u00e4t und den gesellschaftlichen Gesamtnutzen von Konzepten? Damit noch nicht genug: BHP wollen auch die Verwaltung von Kommunen versteigern, an private Bieter, aber auch an andere Kommunen. Die deutsche Beh\u00f6rderei mag ein gewisses Optimierungspotenzial aufweisen. Doch wird hier der Privatisierungs- und Wettbewerbsgedanke fast schon ins Groteske gef\u00fchrt. Schwer vorstellbar, dass die hocheffiziente Stadtverwaltung von D\u00fcsseldorf auch die Gesch\u00e4fte in K\u00f6ln \u00fcbernimmt.<\/li>\r\n\r\n\r\n\r\n<li><strong>\u00dcber die Energiesteuer technischen Fortschritt abbremsen: <\/strong>BHP wollen ihre Energiesteuer u.a. daf\u00fcr einsetzen, um \u201esozial w\u00fcnschenswerte Besch\u00e4ftigungseffekte\u201c zu erzeugen. So soll dar\u00fcber z.B. der Einsatz k\u00fcnstlicher Intelligenz erschwert werden, denn die frisst nicht nur jede Menge Strom (Server etc.), sondern langfristig auch viele Arbeitspl\u00e4tze. Die Geschichte hat jedoch gezeigt: Technischer Fortschritt l\u00e4sst sich auf Dauer nicht aufhalten, er l\u00e4sst sich aber wohl steuern, wenn auch bisher oft in die falsche Richtung.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der letzte Punkt ist symptomatisch f\u00fcr die Denkweise des Ordoliberalismus. Schon vor Jahrzehnten sah er sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich die pr\u00e4-industrielle Vormoderne zur\u00fcck zu ersehnen. Das ist etwas \u00fcbertrieben, aber doch nicht abwegig. Es hat einen Touch von \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c. Womit wir beim Big Picture w\u00e4ren. Das BHP-Manifest will weder so recht in die hiesige Zeit passen noch in den absehbar weiteren Lauf der Dinge. BHP argumentieren, als sei Deutschland (ebenso wie die anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften) ein Land der reinen Warenproduktion. Ja, wir haben noch vergleichsweise viel Industrie, aber wie alle anderen L\u00e4nder des Nordens spielen digitale Plattformen eine zunehmend wichtige Rolle und damit auch Software und Dienstleistungen. Dabei sind Gr\u00f6\u00dfenvorteile und Netzwerkeffekte von enormer Bedeutung. Soll also z.B. ein deutsches \u201eInstagram\u201c von einer GbR gef\u00fchrt werden?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ganz im Sinne des Ordoliberalismus singen BHP zudem das hohe Lied auf das familiengef\u00fchrte Unternehmen. An anderer Stelle dann auf Stiftungsunternehmen, deren Konstruktion aber nicht n\u00e4her erl\u00e4utert wird. Es gibt einige wenige Stiftungsunternehmen wie etwa den schw\u00e4bischen Naturkosmetik-Hersteller Wala, die ihre Gewinne nicht an die Eigent\u00fcmer* aussch\u00fctten, weil es eben keine gibt, nachdem sie sich selbst \u201eenteignet\u201c haben. Und es gibt viele stiftungsgetragene Unternehmen, etwa Bosch, Bertelsmann oder Lidl\/Schwarz, deren Motive und Funktionen nicht durchgehend philantropischer Natur sind \u2013 teils ganz im Gegenteil.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bleiben wir also lieber gleich bei den Familienunternehmen. Da mag es viele geben, die in h\u00f6chst ehrenwerter Weise gef\u00fchrt werden. Da mag es aber noch mehr geben, bei denen auch die Maximierung der Gewinne im Vordergrund steht. Reichtum und Macht sind nicht nur Triebkr\u00e4fte hinter den verspiegelten Glasfassaden internationaler Konzerne. Und wie kommt ein Unternehmer* dazu? Indem seine Firma kr\u00e4ftig w\u00e4chst. Damit kommen auch wieder die diversen Unternehmenssteuern ins Spiel, nicht nur die von BHP favorisierte Verm\u00f6genssteuer. Obsz\u00f6ne Verm\u00f6gen entstehen durch ein hohes Einkommen \u2013 egal, ob sie aus dem gro\u00dfen Casino namens B\u00f6rse stammen, wie es im heutigen Neo-Feudalismus \u00fcblich ist, oder aus Gewinnen der Realwirtschaft angeh\u00e4uft werden. Selbst wer sich steuerlich mehr oder minder gezwungen sieht, seine Gewinne ins Unternehmen zu reinvestieren, kann immer noch aus Wachstum und Macht seine pr\u00e4potente Luststeigerung beziehen. Das Problem scheint vielmehr im Anreizsystem zu liegen. Oder anders formuliert: Oft wollen die Falschen Unternehmer werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Daran \u00e4ndern auch nichts die Ma\u00dfnahmen, die die Autoren f\u00fcr die Transformation zu ihrer bevorzugten Wirtschaftsordnung empfehlen. Dabei handelt es sich in erster Linie um steuerliche Eingriffe. \u00dcberraschend ist dagegen, wie wenig das klassische Instrument ordoliberaler Wirtschaftspolitik erw\u00e4hnt wird: die Wettbewerbspolitik. \u201eHier sind lediglich Reformen n\u00f6tig, nicht aber grundlegende \u00c4nderungen\u201c, schreiben BHP. Welche genau? Wie soll im \u00dcbrigen die Marktstruktur in der idealen Volkswirtschaft aussehen? Darauf geben die Autoren keine Antworten. Sie sagen lediglich, dass kleine, lokale Unternehmen wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen w\u00fcrden. Wie aber mit den bestehenden Dickschiffen aus dem DAX oder dem Dow Jones umgehen? BHPs Modell konsequent zu Ende gedacht, m\u00fcssten doch das deutsche Bundeskartellamt bzw. die Europ\u00e4ische Wettbewerbsbeh\u00f6rde Facebook genauso wie Volkswagen zerschlagen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In toto betrachtet f\u00fchrt das BHP-Konzept in die ordnungspolitische Irre. Weil es einem Freiheitsbegriff fr\u00f6nt, der pers\u00f6nliche Freiheit unabdingbar an wirtschaftliche Freiheit und das Recht auf Privateigentum an Produktionsmitteln kettet. Und weil es damit die Verwerfungen, mithin die Systemfehler eines gewinnorientierten privaten Unternehmertums ausblendet. Nicht die teils unlogischen, teils stimmigen Zusammenh\u00e4nge des BHP-Entwurfs sind das Problem. Vielmehr sind die Pr\u00e4missen falsch. Sicher ist dies eine Frage des Welt- und Menschenbildes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auch wenn es damit ans Eigemachte geht: Das marktwirtschaftliche Manifest von Bannas und Herrmann-Pillath ist dennoch lesenswert, weil es vor allem in diversen Einzelfragen wie Nachhaltigkeit, BGE, Gemeineigentum und Verm\u00f6genssteuer sehr geistesanregend wirkt und den Diskurs \u00fcber eine neue Wirtschaftsordnung um einige Facetten bereichert. Nicht zuletzt zeigt das Buch aber auch auf, dass man im fortschreitenden 21. Jahrhundert ideologische Glaubenss\u00e4tze hie und da \u00fcber Bord werfen sollte, um immer wieder einmal brauchbare Versatzst\u00fccke aus anderen Wirtschaftsmodellen aufzugreifen \u2013selbst wenn sie nicht aus der direkten N\u00e4he des eigenen Politik-Universums stammen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Stephan Bannas\/Herrmann-Pillath (2020): Marktwirtschaft: Zu einer neuen Wirklichkeit. 30 Thesen zur Transformation unserer Wirtschaftsordnung. Stuttgart. 16,95 \u20ac.<\/em><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Initiative Neue Authentische Marktwirtschaft: Zur\u00fcck in die Zukunft? Zwei \u00d6konomen haben ein Manifest verfasst, mit dem sie die \u201eTransformation unserer Wirtschaftsordnung\u201c einl\u00e4uten wollen. G\u00fcnther Bannas und Carsten Herrmann-Pillath w\u00fcrden am liebsten den Kapitalismus abschaffen und durch eine \u201eauthentische Marktwirtschaft\u201c ersetzen. Die Autoren nennen das \u201erevolution\u00e4r\u201c. 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