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Mit fast 115 Mrd. Euro Umsatz (2022) gehört die Deutsche Telekom zu den fünf größten Unternehmen Deutschlands. Künftig will sich der Konzern aber nicht nur an seinen Finanzzahlen, sondern auch an seinen Nachhaltigkeitszielen messen lassen – verkündet Telekom-Chef Tim Höttges und vermeldet en passant auf der Hauptversammlung des Bonner Konzerns, dass nun endgültig die Mehrheit an T-Mobile USA gesichert sei.

Das überdimensionale Telekom-„T“ auf der Bühne des Bonner World Conference Center ist ausnahmsweise einmal nicht im auffälligen Magenta-Ton gehalten. Vielmehr strahlt es grün, weil das Innere des Telekom-Logos mit lauter Topfpflanzen ausstaffiert ist. Als Vorstandschef Tim Höttges auf die Bühne steigt, macht er mit Verweis auf das grüne „T“ schnell klar, worum es heute gehen soll: „Ohne Moos nix los!“ Der lockere Spruch ist durchaus doppeldeutig gemeint und soll signalisieren, dass die Telekom Ökologie und Ökonomie miteinander vereinen will.

Knapp eine Stunde lang widmet sich Höttges in seiner Aktionärs-Ansprache dem Thema Nachhaltigkeit, denn dieses werde für die institutionellen Investoren, aber auch die Kund:innen immer wichtiger. Etwas weniger wohl für die rund 2500 Telekom-Aktionär:innen im World Conference Center, die meist kleinere Aktienpakete halten: Sie applaudieren am lautesten, als Höttges die positive Kursentwicklung der T-Aktie hervorhebt. Freude kommt auch auf, als der Telekom-Chef mit einer gewissen Genugtuung den Vollzug des Mehrheitserwerbs an T-Mobile USA bekanntgibt – nach Jahren zähen Ringens. T-Mobile ist seit einiger Zeit der große Gewinnbringer für den Konzern, während das deutsche Kerngeschäft zuweilen etwas zäh läuft.

In der Generaldebatte üben die Aktionär:innen aber auch Kritik. Vor allem an der vermeintlich zu dürftigen Dividende von 70 Cent je Aktie und an der chronisch defizitären Geschäftskundensparte T-Systems, die doch endlich verkauft werden solle, wie mehrere Redner:innen fordern. Unbequeme Fragen muss sich Höttges auch zur „China-Connection“ gefallen lassen. In den Netzen der Telekom, zum Beispiel bei Sendemasten, sind im großen Stil Komponenten des chinesischen Ausrüsters Huawei verbaut. Durch die zunehmenden Spannungen zwischen China und der westlichen Welt ist in der öffentlichen Debatte vermehrt darüber spekuliert worden, dass der chinesische Staat die Technik seiner Unternehmen in westlichen Telekommunikationsnetzen missbrauchen könnte, etwa um geheime Daten abzugreifen.

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Die Aktionär:innen im Saal wollen unter anderem wissen, welche Auswirkungen diese brisante Konstellation auf das Geschäft in den USA haben könnte, wo die Vorbehalte gegenüber China besonders groß sind. „Sendemasten sind im Wesentlichen nichts Anderes als Antennen“, kontert Höttges. „Das Gleiche gilt für Handys. Also müsste man dann auch Smartphones aus China verbieten.“

Der Telekom-Chef reagiert leicht gereizt auf die vielen kritischen Fragen zu Huawei. Heute will er lieber über Nachhaltigkeit reden – so wie kurz zuvor in seiner Grundsatzrede. Darin benutzt Höttges „Nachhaltigkeit“ als begriffliche Klammer für ein breites Spektrum an Themen und summiert darunter auch solides Haushalten, „immer das beste Netz bauen“, als verlässlicher Partner der Kund:innen auftreten sowie die Bereitschaft zur konsequenten Digitalisierung.

Breiten Raum nehmen aber auch die Nachhaltigkeitsklassiker Klimaschutz und soziale Verantwortung ein. 2022 habe die Telekom, so Höttges, für die Ausbildung im Unternehmen, für die Förderung sozial benachteiligter Menschen, für die Erdbebenhilfe in der Türkei und Syrien sowie für die Unterstützung von Geflüchteten aus der Ukraine Leistungen im Gegenwert von 2,3 Mrd. Euro erbracht. Dies entspricht rund zehn Prozent der Telekom-Investitionen in diesem Jahr.

Beim Klimaschutz will der Vorstandschef mehr Tempo machen. Bis 2025 soll die Telekom in ihrem Kerngeschäft und beim dazugehörigen Energiebezug von Dritten komplett klimaneutral werden (Scope 1/2), bis 2040 die gesamte vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette (Scope 3). Höttges verkündet für das Scope-1/3-Gesamtpaket ein neues Zwischenziel, nämlich minus 55 Prozent CO2 bis 2030, verglichen mit 2020. Ein Blick in den Nachhaltigkeitsberichts der Telekom zeigt, dass der Konzern bereits von 2020 auf 2021 seine Scope-1/2-Emissionen um das Zehnfache auf weniger als 250.000 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr heruntergeschraubt hat, vor allem durch den Einsatz erneuerbarer Energien. Weit über 90 Prozent machen hingegen noch die Scope-3-Emissionen aus, vor allem die vorgelagerten. Hier sind 2020 114,4, 2022 sogar 12,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente entstanden.

Mehr Handys und Router zurücknehmen

Um zu zeigen, wie die Telekom diese Ziele erreichen will, listet der Vorstandschef eine ganze Reihe von Maßnahmen auf. „Das wichtigste Zukunftsprojekt“ ist für Höttges der zügige Ausbau des neuen bundesweiten Glasfasernetzes. Das soll die schnellstmögliche Abschaltung des alten Kupfernetzes ermöglichen, denn der Betrieb von zwei, teilweise parallelen Netzen führt zu erhöhten Emissionen. Derzeit werden die Telekom-Antennen bereits mit einer Art „Bewegungsmelder“ ausgerüstet, sodass die Funkzelle nur aktiviert wird, wenn sich auch Menschen darin bewegen und Telekom-Dienste in Anspruch nehmen. Damit ließen sich zehn Prozent Strom in den Netzen sparen.

„200 Millionen alte Handys schlummern in den Schubladen“, mahnt Höttges. „Sie alle sollten recycelt werden, denn sie bestehen zu 45 Prozent aus Metallen, vor allem aus Kupfer.“ Telekom-Chef Tim Höttges

Um die Kreislaufwirtschaft anzukurbeln, spielt für die Telekom das Recycling alter Hardware wie Router und Telefone eine zentrale Rolle. „200 Millionen alte Handys schlummern in den Schubladen“, mahnt Höttges. „Sie alle sollten recycelt werden, denn sie bestehen zu 45 Prozent aus Metallen, vor allem aus Kupfer.“ Der Appell kommt nicht von ungefähr, wie der aktuelle Nachhaltigkeitsbericht des Konzerns zeigt: Zwar können alte Geräte in den Telekom-Shops zurückgegeben werden, bisher kommen aber gerade einmal rechnerisch 2,3 von 100 Geräten auch wieder zurück – die Rücklaufquote stagniert seit Jahren. Bis 2030 will die Telekom alle Endgeräte wieder in den Verwertungskreislauf zurückbringen – bis dahin scheint es jedoch noch ein weiter Weg.

Um gerade in der vorgelagerten Wertschöpfung (Teil von Scope 3) den CO2-Fußabdruck drastisch zu verkleinern, dringt der Konzern auf die klimaneutrale Produktion von Handys. „Dafür kaufen wir anders ein“, verkündet Höttges. Man schaue nicht mehr allein auf den Preis des Produkts, sondern auch auf den für die Umwelt. „Wer die grüne Produktion nicht schafft, fliegt irgendwann aus dem Sortiment.“ Es liefen bereits Gespräche. Unklar bleibt indes, was konkret unter „grüner Produktion“ zu verstehen ist und wann genau dieses „irgendwann“ stattfindet.

Telekom-Hauptversammlung 2023 in Bonn. Am Nachmittag hat sich der Saal schon sichtbar geleert.

Höttges‘ Ausführungen finden bei den Aktionär:innen ein geteiltes Echo. So lobt Henrik Pontzen, beim Volksbanken-Fonds Union Investment für Nachhaltigkeit zuständig, den Telekom-Kurs. „Sie haben sich hier systematisch nach vorne gearbeitet“, sagt Pontzen in der Generaldebatte. „Dabei können wir Sie nur unterstützen.“ Ein anderer Fondsvertreter, Ingo Speich von der Deka Investment, will aber auch wissen, wie stark die Beschäftigten der Telekom nachhaltiges Denken bereits verinnerlicht hätten. Der freie Aktionär Christian Strenger kritisiert zwar, dass Nachhaltigkeit als Leistungsindikator bei den Vorstandsvergütungen noch nicht ausreichend berücksichtigt sei, lobt aber die Strategie insgesamt.

Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbands Kritischer Aktionär:innen, tut die Höttges-Rede dagegen als „reine Image-Politur“ ab und kritisiert die vermeintlich schlechte Nachhaltigkeits-Performance der Telekom. Der Einzelaktionär Peter Fritz Streichan glaubt, die Telekom hätte besser schon vor 50 Jahren mit dem Stromsparen beginnen sollen. Und der Aktionär Gerhard Bachmann hält am Ende seiner Rede eine Fotomontage in die Höhe, die eine Müllhalde voller Windräder zeigt. Auch dies eine, wenn auch recht drastische Meinungsäußerung zum Thema Nachhaltigkeit. Aber die T-Aktie soll ja schließlich eine „Volksaktie“ sein, die alle Teile der Bevölkerung repräsentiert. Telekom-Chef Höttges wird sich nicht groß daran gestört haben.

© The Economics Coach 2023