CLUSTER: Nachhaltigkeit – eine Frage des Kulturwandels
In Zeiten der Klimakrise brauchen wir dringend ein neues Verständnis von Fortschritt. Statt „Schneller, höher, weiter!“ lautet die neue Devise „Tiefer, bewusster, nachhaltiger!“.
Mental sind weite Teile unserer Gesellschaft immer noch im Transrapid unterwegs, allen voran die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungs-Eliten. „Schneller, höher, weiter!“ lautet ihr Mantra seit der Industrialisierung. Mit der Digitalisierung haben sie nochmal einen Extra-Turbo eingeschaltet. Mit fatalen Auswirkungen auf unser aller Leben: Die Muße (wohlgemerkt nicht der Müßiggang) ist damit zu einem äußerst knappen Gut geworden, während die Rastlosigkeit (oft gepaart mit Ratlosigkeit) allenthalben unseren Alltag bestimmt. „Man kommt immer schneller dort an, wo man immer kürzer bleibt“, hat es der Öko-Philosoph Wolfgang Sachs treffend auf den Punkt gebracht.
Fortschritt bedeutet nicht unbedingt höhere Produktivität
Das Streben nach immer neuen Rekorden mag in uns Menschen eingebaut sein. Und genau dieses olympische Gen nutzen Unternehmen und Marktradikale seit Jahrhunderten aus, um uns glauben zu machen, dass genau dieses „Schneller, höher, weiter!“ und nichts anderes den wahren Fortschritt der Menschheit ausmache.

Das „Schneller“-Mantra kommt aber vor allem gebetsmühlenartig in der industriellen Produktion und vielen anderen Wirtschaftsbranchen zum Einsatz. Die logische Kette dahinter ist einfach. Technischer Fortschritt in der Produktion steigert die Effizienz, diese wiederum die Produktivität. Das Ideal: Höherer Output bei geringerem Input. Produktivitätsgewinne senken die Kosten und das wiederum steigert die Gewinnmarge.
„Unseren“ Wohlstand, so die krude Marktlogik, dürfen wir aber nicht dadurch gefährden, dass sich das freie Unternehmertum zu sehr bedrängt fühlt. Denn die Unternehmer müssen sich ja in der Weltwirtschaft, im globalen Wettbewerb, behaupten. Bedeutet konkret: Prio eins hat immer die sogenannte internationale Wettbewerbsfähigkeit von einzelnen Unternehmen wie der gesamten Volkswirtschaft. Und das wiederum heißt im Geist der klassischen VWL: Die Arbeitskosten so niedrig wie möglich halten.
Es geht immer nur um die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und vom „Standort“. Das ist keine zivilisatorisch sehr hoch stehende Antwort.
Im soziokulturellen Gesamtschluss bedeutet dies, dass internationale Wettbewerbsfähigkeit immer Vorrang vor sozialer Gerechtigkeit genießt. Und wo bleibt bei all dem die Nachhaltigkeit? Auf der Strecke! Genau wie das Soziale brandmarken Konzerne, Marktprediger und leider auch viele Normalos das Ökologische als Bremsklotz, zumal wenn es als staatliche Regulierung daherkommt. Ein vermeintlicher Hemmschuh für die Wirtschaft und damit also auch für unseren – wohlgemerkt materiellen – Wohlstand.

Klimaschutz? Ja, schon irgendwie wichtig, vor allem nach der letzten Flutwelle und dem unerträglichen Hitzesommer, mit dem auch die Wasservorräte so bedenklich geschrumpft sind. Was dagegen tun? Ja, natürlich. Aber nicht unbedingt heute. Wir können ja warten, bis diese CO2-Speichertechnologien so richtig fit sind und dann werden wir mit diesen Mega-Dysons einfach das Atemgift aus der Luft saugen. Außerdem: Was können wir hier schon alleine fürs Klima tun, wenn all die anderen und vor allem die ganz Großen (USA, China, Russland) nicht mitmachen?
Irriger Technologie-Glaube
Erstens, die sogenannten Carbon-Capture-Technologien sind weit davon entfernt, breitflächig eingesetzt werden zu können. Mit diesem Versprechen auf die Zukunft lügen wir uns selbst in die Tasche. Zweitens, dass wir uns beim Klima nicht selbst helfen können und dass konsequenter Klimaschutz im eigenen Lande keine ökologischen Auswirkungen habe, ist ein Mythos, um nicht zu sagen eine falsche Behauptung. Jeder ist für seinen eigenen Smog verantwortlich. Und, drittens, all das zuvor Gesagte sollte Anlass genug sein, um über die Sache ganz grundsätzlich nachzudenken und möglicherweise ein mehr oder minder radikales Mindshifting zu betreiben.
Dazu folgende Geistesblitze:
- Wir brauchen dringend einen fundamentalen Kulturwandel. Der Stammtischhoheit der Verdränger und Bremser, ganz zu schweigen von der der Verleugner muss viel offensiver begegnet werden. Wer für konsequenten Klimaschutz einritt, muss dies stärker deutlich machen, im öffentlichen wie auch halböffentlichen Raum, privat sowieso.
- Dabei gilt die Parole „Nie mehr (dem Klima schaden) ist jetzt!“ Und: Aufgeschoben ist auch so gut wie aufgehoben. Denn je länger wir mit durchgreifenden Maßnahmen warten, desto härter werden diese ausfallen müssen, wenn es dann eh nicht schon zu spät ist.

- Die ökonomische Globalisierung hat sich als fataler Irrtum erwiesen. Es ist der Frankenstein gewordene Marktpurismus, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zum unantastbaren Sachzwang hochstilisiert. Wenn wir uns davon befreien und unser Überleben (also Klimaschutz) an die erste Stelle setzen wollen, dann müssen wir auch die Globalisierung zurückfahren und weite Teile der Produktion wieder ins eigene Land bzw. in die EU holen. Nur so wird es uns gelingen, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt unserer Vorstellung von einer funktionierenden Gesellschaft zu rücken.
- Wir müssen uns klarmachen, dass das gesamte kapitalistische Wirtschaftssystem so nicht weiterbestehen kann. Das heißt konkret: Wenn Klimaschutz und Nachhaltigkeit – immer gepaart mit sozialer Gerechtigkeit – Vorrang vor der internationalen Wettbewerbsfähigkeit genießen, dann müssen wir auch unser Verständnis von Fortschritt und Wohlstand verändern. Weg vom „schneller, höher, weiter“ hin zum „tiefer, bewusster, nachhaltiger“. Weg vom reinen Haben hin zu verschiedenen Formen des post-materiellen Seins, dem sozialen Fortschritt. Dazu passt das auf Konsum und Wachstum ausgerichtete Marktsystem nicht.
- Unser Fortschrittsglaube des „Schneller, höher, weiter“ ist überholt. Deshalb ist ein Kulturwandel dringend notwendig.
- Die Hoffnung, allein mit neuen Technologien sei die Klimakrise zu bewältigen, ist irrig. Wir alle müssen unser Leben ändern.
- In der kapitalistischen Marktwirtschaft wird internationale Wettbewerbsfähigkeit Vorrang vor ökologischer Nachhaltigkeit haben. Deshalb brauchen wir eine De-Globalisierung.
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